(v.l.) Jan Nast, Intendant der Wiener Symphoniker, Francesco Granbassi, Präsident des Politeama Rossetti, Serena Tonel, Vizebürgermeisterin der Stadt Triest, Veronica Kaup-Hasler, Kulturstadträtin der Stadt Wien, Petr Popelka, Chefdirigent der Wiener Symphoniker (©Julia Wesely)



Primavera da Vienna in Triest

 Wiener Klang im Teatro Politema Rossetti


Triest empfängt den „Frühling aus Wien“ heuer nicht mit milden Lüften, sondern mit scharfem Wind, kühlen Temperaturen und jenem eigentümlichen Licht, das zwischen Adria und Karst immer ein wenig dramatischer wirkt als anderswo. Draußen zwingt die Bora zum Mantel, zum Schal, zur hastig geschlossenen Jacke – drinnen jedoch, im Teatro Rossetti, entfaltet sich eine ganz andere Temperatur: eine herzerwärmende, leuchtende, zutiefst wienerische Klangwelt. 

„Primavera da Vienna“ ist mehr als ein Gastspiel der Wiener Symphoniker unter seinem Chefdirigenten Petr Popelka – es ist eine kulturelle Reminiszenz an eine Verbindung, die historisch gewachsen, emotional aufgeladen und musikalisch bis heute lebendig ist. Wien und Triest, einst im selben Imperium verwurzelt, begegnen einander hier nicht als Fremde, sondern als alte Bekannte mit gemeinsamem Gedächtnis. 

Im Zentrum: Klang. Und was für einer. Der unverwechselbare Wiener Ton – weich in der Linie, präzise im Detail, von jener Eleganz getragen, die nie aufdrängt und gerade deshalb wirkt. Wenn etwa Rudolf Buchbinder mit einem Mozart-Zyklus auftritt, dann ist das nicht bloß Interpretation, sondern gelebte Tradition. Buchbinder, als weltweit angesehener Konzertpianist, ist kein Gast dieses Klangs – er ist sein Träger, Wiener Charme und internationale Größe , seine Fortsetzung, sein lebendiges Pendant.

Am zweiten Abend hat man den renommierten Violonisten Renaud Capuçon eingeladen, er fügt sich in dieses Gefüge ein, ohne es zu bloß zu ergänzen. Er bringt eine zusätzliche Farbe ein, die den Wiener Klang in einem der schönsten Violinkonzerte, dem von Max Bruch, verzaubert. Gerne diese Metapher, die dennoch nie alles beschreiben kann, was berührender Klang bedeutet: Wie ein Hauch von Zitrone auf einer delikaten Creme: belebend, nicht dominant. 

Überhaupt liegt der Reiz dieses Festivals auch in seinen subtilen Parallelen zur Kulinarik. Wien oder Triest? Melange oder Espresso? Sachertorte oder Tiramisu? Die Antwort liegt – wie so oft – nicht im Entweder-oder, sondern im Dazwischen. Man kostet beides, vergleicht nicht, sondern genießt. Und genau so verhält es sich mit diesem Festival: 
Es ist kein kultureller Export, es ist ein Dialog. 

Draußen sitzen die Gäste, wenn es das Wetter erlaubt, mit einer schnellen Tasse Kaffee in der Hand, halb fröstelnd, halb entschlossen, sich den Moment nicht nehmen zu lassen. Drinnen später dann: volle Reihen, ausverkaufte Abende, ein Publikum, das – so berichten es Stimmen vor Ort – mit Begeisterung, mit stehenden Ovationen, mit jener stillen Intensität reagiert, die nur große Musik hervorrufen kann. 

Dass sich diese Nähe zwischen Wien und Triest in Zukunft noch verdichten könnte, liegt auf der Hand. Neue infrastrukturelle Verbindungen rücken die Städte näher zusammen – nicht nur geografisch, sondern auch kulturell. Was früher eine Reise war, wird nun zur Bewegung. Und vielleicht ist genau das die eigentliche Pointe dieses Festivals: dass es nicht nur Musik bringt, sondern Verbindung sichtbar macht. 

Oder, um im Bild zu bleiben: Der Wiener Klang ist hier kein importiertes Gericht – er ist längst Teil der lokalen Speisekarte geworden. Und wie bei jedem guten Menü gilt: Man kommt nicht nur wegen eines Ganges. Sondern wegen des Gesamterlebnisses. 
Und das ist, in diesen Tagen in Triest, von bemerkenswerter Qualität.

Autorin: Brigitte Ulbrich ⎸ Musikdialoge Magazin