Ēriks Ešenvalds. Fotocredits - ©VoicesofSpirit_Festival Graz
Voices of Spirit: Ein überwältigendes Finale zwischen Erde und Himmel
Mit „Heaven & Earth“ endete das 12. Internationale Chorfestival „Voices of Spirit“ in der Grazer Schutzengelkirche mit einem hochkonzentrierten Abend über Natur, Spiritualität und die Möglichkeiten menschlicher Stimme.
Mit dem Abschlusskonzert „Heaven & Earth“ ging das 12. Internationale Chorfestival „Voices of Spirit“ in der Grazer Schutzengelkirche zu Ende — und bereits der erste Teil des Abends setzte musikalisch Maßstäbe. Der Jugendchor Österreich unter der Leitung von Agnes Schnabl gestaltete das Programm „Earth“ mit einer Präzision, Konzentration und klanglichen Differenziertheit, die vom ersten Ton an fesselte.
Der Chor sang großteils auswendig, bewegte sich frei im Raum und arbeitete mit einer Sicherheit in komplexesten rhythmischen und harmonischen Schichtungen, die bemerkenswert war. Exakte Einsätze, vollkommen kontrollierte Dynamik und fein austarierte Klangflächen blieben selbst dort stabil, wo moderne Kompositionstechniken, Obertonpassagen und räumliche Aufstellungen höchste Aufmerksamkeit verlangten.
Agnes Schnabl, die international mehrfach ausgezeichnete Chorleiterin und Gewinnerin der London International Choral Conducting Competition, leitete ihren Chor mit äußerster Präzision und gleichzeitig großer musikalischer Beweglichkeit.
Das Programm „Earth“ führte von Heinrich Schütz über Mendelssohn bis zu zeitgenössischen Kompositionen und spannte einen weiten Bogen zwischen Naturbildern, Spiritualität und klanglicher Experimentierfreude. Besonders eindrucksvoll gelang dies in Katerina Gimons „Elements – Earth | Air | Fire | Water“. Der Chor arbeitete hier mit feinen Obertonschichten, gehauchten Klangflächen, rhythmischen Verdichtungen und eruptiven Ausbrüchen. Feuer, Wasser, Luft und Erde wurden klanglich erlebbar gemacht.
Zu den außergewöhnlichsten Momenten des Abends zählte Julia Renöckls „Zauberton“. Ihr Obertongesang verband sich mit archaisch wirkenden Klangfarben. Aus der Stille erzeugte die Künstlerin eine eigentümliche Spannung zwischen konzentrierter Ruhe und klanglicher Rauheit. Auch der Chor selbst arbeitete immer wieder mit Obertontechniken und erweiterte den Chorklang weit über traditionelle Klangvorstellungen hinaus.
Einen vollkommen anderen Ton setzte Jakob Gruchmanns „O Wisdom“ mit Saxophonistin Sabrina Maritschnig. Das Werk war durchzogen von Swing, synkopischen Linien, komplexen Jazzharmonien und einer Energie, die an Big-Band-Sätze erinnerte. Der Chor meisterte diese anspruchsvolle Partitur mit verblüffender Stilsicherheit und Lockerheit zugleich.
Auch „This is My Father’s World“ in der Bearbeitung von Ēriks Ešenvalds hinterließ starken Eindruck. Gewaltige Klangwände lösten sich immer wieder in zarte lyrische Linien auf. Die versiert gesprochenen Texte von Bastian Borovnyak verliehen dem Werk zusätzliche Tiefe und Präsenz.
Die Schutzengelkirche erwies sich dabei als idealer Aufführungsort. Der helle Raum mit seiner klaren Akustik unterstützte besonders die vielschichtigen Chorklänge, ohne sie ineinander verschwimmen zu lassen. Gerade die räumlichen Aufstellungen des Chores und die Obertonpassagen gewannen dadurch zusätzlich an Intensität.
Der erste Teil des Abends zeigte eindrucksvoll, auf welch hohem Niveau der Jugendchor Österreich derzeit arbeitet. Was hier zu hören war, war keine bloße Perfektion um der Perfektion willen, sondern musikalische Gestaltungskraft und Risikobereitschaft.
Nach der Pause übernahm Ēriks Ešenvalds selbst die Leitung des Vocalforum Graz, des Warsaw TU Choir sowie des Festival-Projektchores. Der zweite Konzertteil „Heaven“ verlagerte den Schwerpunkt deutlich: weg von den elementaren, erdnahen Klangräumen des ersten Teils hin zu groß angelegten spirituellen und kosmischen Bildern.
Ešenvalds sprach zwischen den Werken immer wieder selbst zum Publikum und erzählte mit großer Natürlichkeit und spürbarer Freude von der Entstehung seiner Kompositionen. Gerade diese persönlichen Geschichten verliehen dem Abend zusätzliche Nähe.
Zu „Northern Lights“ berichtete der Komponist etwa von einer Reise nach Norwegen, die eigens der Beobachtung der Polarlichter gewidmet war. Beim ersten Versuch blieb der Himmel wolkenverhangen, erst eine spätere Reise brachte die erhoffte Begegnung mit dem Naturphänomen. Besonders beeindruckt habe ihn dabei die völlige Lautlosigkeit der Nordlichter - enorme visuelle Intensität bei absoluter Stille. Genau diese Spannung prägte auch die Komposition mit ihren langsam aufsteigenden Klangflächen und großen dynamischen Steigerungen.
Auch die Entstehung von „Stars“ schilderte Ešenvalds mit Humor. Während eines Familienbesuchs zur Weihnachtszeit experimentierte er gemeinsam mit seiner Frau spontan mit unterschiedlich gefüllten Wassergläsern und entdeckte dabei deren charakteristische Töne. Später wurden auch die Kinder und schließlich sogar ein Enkelkind Teil dieses improvisierten „Gläser-Ensembles“. Dieses Werk werde heute von Chören auf der ganzen Welt aufgeführt — „nur in der Antarktis komischerweise nicht“, wie Ēriks Ešenvalds schmunzelnd anmerkte.
Tatsächlich prägten die kreisenden, schimmernden Klänge der Wassergläser das Werk entscheidend. Der Chor verband diese Glastöne mit weit gespannten Linien und schwebenden Klangflächen zu einem beinahe schwerelosen Gesamtklang.
Überhaupt arbeitete Ešenvalds im zweiten Teil stark mit langen Spannungsbögen und groß angelegten dynamischen Entwicklungen. Immer wieder bauten sich Chor, Orgel, Harfe, Brass-Ensemble und Percussion zu mächtigen Fortissimo-Passagen auf, die sich anschließend wieder zurücknahmen.
Besonders deutlich wurde dies in „Trinity Te Deum“, der österreichischen Erstaufführung des Werkes für gemischten Chor, drei Trompeten, drei Posaunen, Harfe, Percussion und Orgel. Das Stück griff den Charakter eines feierlichen Lobgesangs auf und arbeitete mit fanfarenartigen Bläserfiguren, großen dynamischen Wellen und den mehrfach wiederkehrenden „Holy, holy, holy“- Rufen. Vor allem gegen Ende verdichteten sich Chor, Orgel und Brass-Ensemble zu einer monumentalen Klangwirkung.
Dazwischen setzte die Uraufführung von „Set Me as a Seal“ einen ruhigeren Gegenpol. Der aus dem Hohelied stammende Text — „Stark wie der Tod ist die Liebe“ — stand hier im Zentrum einer deutlich zurückgenommenen Klangsprache.
Zum Abschluss folgte „My Song" von Rabindranath Tagore. Nach den großen Klangmassen vieler vorhergehender Werke wirkte das Finale mit diesem Werk über die allumfassende Liebe als direkte Hinwendung an das Publikum. Die letzten „for you“-Passagen wurden in äußerstem Pianissimo zu den Reihen des Publikums gesungen - berührend.
Das Publikum reagierte mit lang anhaltendem Applaus und feierte diesen Konzertabend, der zugleich den Abschluss eines außergewöhnlich dicht programmierten Festivals bildete.
Autorin: Brigitte Ulbrich ⎸ Musikdialoge Magazin
Between Earth and Heaven: An Extraordinary Festival Finale
With “Heaven & Earth,” the 12th International Choral Festival “Voices of Spirit” came to a close at Graz’s Guardian Angels Church in an evening of extraordinary concentration devoted to nature, spirituality, and the expressive possibilities of the human voice.
The closing concert “Heaven & Earth” marked the finale of the 12th International Choral Festival “Voices of Spirit” at Graz’s Guardian Angels Church — and already the first half of the evening set remarkable musical standards. The Austrian Youth Choir, conducted by Agnes Schnabl, presented the program “Earth” with a level of precision, concentration, and tonal refinement that captivated from the very first note.
The choir performed largely from memory, moving freely through the space and demonstrating astonishing confidence in the most complex rhythmic and harmonic layers. Exact entrances, perfectly controlled dynamics, and finely balanced soundscapes remained stable even in passages demanding the utmost concentration through modern compositional techniques, overtone singing, and spatial arrangements.
Agnes Schnabl, the internationally acclaimed conductor and winner of the London International Choral Conducting Competition, led her ensemble with utmost precision while maintaining remarkable musical flexibility.
The program “Earth” ranged from Heinrich Schütz and Mendelssohn to contemporary compositions, creating a broad arc between images of nature, spirituality, and sonic experimentation. This was particularly striking in Katerina Gimon’s “Elements – Earth | Air | Fire | Water.” Here, the choir worked with delicate overtone textures, whispered soundscapes, rhythmic intensifications, and eruptive outbursts. Fire, water, air, and earth became tangible through sound itself.
Among the evening’s most extraordinary moments was Julia Renöckl’s “Zauberton.” Her overtone singing merged with archaic-sounding timbres. Out of silence, the artist created a unique tension between concentrated stillness and raw sonic texture. The choir itself repeatedly employed overtone techniques, expanding choral sound far beyond traditional expectations.
A completely different atmosphere emerged in Jakob Gruchmann’s “O Wisdom,” featuring saxophonist Sabrina Maritschnig. The work was infused with swing, syncopated lines, complex jazz harmonies, and an energy reminiscent of big-band writing. The choir mastered this demanding score with astonishing stylistic assurance and ease.
“This Is My Father’s World,” arranged by Ēriks Ešenvalds, also left a profound impression. Massive walls of sound repeatedly dissolved into delicate lyrical lines. The spoken texts by Bastian Borovnyak added further depth and presence to the work.
The Guardian Angels Church proved to be an ideal venue for the performance. Its bright interior and clear acoustics particularly supported the multi-layered choral textures without allowing them to blur together. The choir’s spatial positioning and overtone passages gained additional intensity as a result.
The first part of the evening demonstrated impressively the exceptionally high artistic level at which the Austrian Youth Choir is currently performing. What could be heard here was not mere perfection for perfection’s sake, but genuine musical imagination and artistic courage.
After the intermission, Ēriks Ešenvalds himself took over the direction of Vocalforum Graz, the Warsaw TU Choir, and the festival project choir. The second half of the concert, “Heaven,” shifted the focus decisively away from the elemental, earthbound soundscapes of the first part toward expansive spiritual and cosmic imagery.
Between the works, Ešenvalds repeatedly addressed the audience personally, speaking with great naturalness and visible joy about the origins of his compositions. These personal stories lent the evening an additional sense of intimacy.
Speaking about “Northern Lights,” the composer described a journey to Norway dedicated entirely to observing the aurora borealis. During the first attempt, the sky remained clouded over; only a later trip brought the long-awaited encounter with the phenomenon. What impressed him most was the complete silence of the northern lights — immense visual intensity combined with absolute stillness. Precisely this tension shaped the composition, with its slowly rising soundscapes and large dynamic crescendos.
Ešenvalds also recounted the creation of “Stars” with humor. During a family gathering at Christmas, he and his wife spontaneously experimented with differently filled water glasses and discovered their distinctive tones. Later, the children and eventually even a grandchild became part of this improvised “glass ensemble.” Today, the work is performed by choirs around the world — “except, strangely enough, in Antarctica,” Ešenvalds remarked with a smile.
Indeed, the circling, shimmering sounds of the water glasses shaped the piece decisively. The choir combined these glass tones with broad melodic lines and floating textures into an almost weightless overall sound.
Throughout the second half, Ešenvalds worked extensively with long dramatic arcs and large-scale dynamic developments. Again and again, choir, organ, harp, brass ensemble, and percussion built toward powerful fortissimo passages before retreating once more into quieter textures.
This became especially evident in “Trinity Te Deum,” the Austrian premiere of the work for mixed choir, three trumpets, three trombones, harp, percussion, and organ. The piece adopted the character of a ceremonial hymn of praise, employing fanfare-like brass figures, sweeping dynamic waves, and the repeatedly returning cries of “Holy, holy, holy.” Toward the end in particular, choir, organ, and brass ensemble combined into a monumental sonic impact.
In contrast, the world premiere of “Set Me as a Seal” offered a quieter counterbalance. The text from the Song of Songs — “Love is strong as death” — stood at the center of a deliberately restrained musical language.
The evening concluded with “My Song” by Rabindranath Tagore. After the immense sonic masses of many preceding works, the finale, centered on all-encompassing love, felt like a direct address to the audience. The final “for you” passages were sung in the softest pianissimo toward the listeners — deeply moving.
The audience responded with prolonged applause, celebrating a concert evening that simultaneously marked the conclusion of an exceptionally richly programmed festival.
Author: Brigitte Ulbrich | Musikdialoge Magazine
Vorbericht:
Zwischen Himmel und Erde – Voices of Spirit bringt Chormusik voller Magie nach Graz.
Mit dem Abschlusskonzert „Heaven & Earth“ erreicht das 12. Internationale Chorfestival Voices of Spirit am 16. Mai in der Grazer Schutzengelkirche einen besonderen Höhepunkt. Das Konzert verspricht eine atmosphärische Reise zwischen Natur, Spiritualität, Licht und menschlicher Stimme – getragen von internationalen Ensembles und der Musik des lettischen Komponisten Ēriks Ešenvalds.
Ešenvalds, der als „Artist in Residence“ das Festival prägt, zählt weltweit zu den bedeutendsten zeitgenössischen Chorkomponisten. Seine Werke verbinden archaische Klangwelten mit moderner Chormusik und erschaffen Räume von großer emotionaler Kraft. Immer wieder greift er Naturphänomene, spirituelle Texte und poetische Bilder auf – Nordlichter, Sterne, Wasser, Himmel und Erde werden in seiner Musik beinahe körperlich erfahrbar.
Das Konzert ist dramaturgisch in zwei Teile gegliedert: „Earth“ und „Heaven“. Während sich der erste Teil dem Kreislauf des Lebens, den Elementen und der Natur widmet, öffnet der zweite Teil den Blick in kosmische und spirituelle Sphären.
Der Jugendchor Österreich unter der Leitung von Agnes Schnabl gestaltet den ersten Konzertteil „Earth“. Der Chor vereint junge Sänger aus ganz Österreich und Südtirol und gilt als eines der spannendsten Nachwuchsprojekte der heimischen Chorszene. Werke von Heinrich Schütz, Felix Mendelssohn Bartholdy, Leoš Janáček oder Katerina Gimon begegnen hier zeitgenössischen Klangexperimenten, Obertongesang und Saxophonklängen.
Im zweiten Teil „Heaven“ stehen Kompositionen von Ēriks Ešenvalds im Mittelpunkt. Gemeinsam musizieren das Vocalforum Graz, der Warsaw TU Choir sowie ein eigens gebildeter Projektchor unter der Leitung des Komponisten selbst. Zu hören sind unter anderem die eindrucksvollen Werke „Stars“, „Northern Lights“, „Rivers of Light“ oder „Trinity Te Deum“.
Besonders charakteristisch für Ešenvalds’ Musik ist der Einsatz ungewöhnlicher Klangfarben. Gestimmte Weingläser, Maultrommel, Harfe, Saxophon, Percussion oder sogenannte „Power Chimes“ verschmelzen mit den Stimmen der Sänger zu schwebenden Klanglandschaften. Seine Musik wirkt dabei nie rein experimentell, sondern zutiefst menschlich und berührend.
Das Festival bringt damit nicht nur internationale Chorkultur nach Graz, sondern schafft auch einen Raum für Begegnung, Resonanz und gemeinsames Erleben. Gerade in einer Zeit permanenter Beschleunigung eröffnet Chormusik einen Gegenpol: Zuhören, Atmen, Schwingen und Verbundenheit.
„Heaven & Earth“ verspricht daher weit mehr als ein klassisches Chorkonzert. Es ist eine Einladung, Klang als Erlebnis zwischen Himmel und Erde wahrzunehmen.
16. Mai 2026, Schutzengelkirche Graz
Tickets:
→ Voicesofspirit.at