Brahms: Ein deutsches Requiem – Gedenkkonzert zum 10. Todestag von Nikolaus Harnoncourt
06.03.2026 - Zum zehnten Todestag von Nikolaus Harnoncourt erklang im Wiener Musikverein ein deutsches Requiem von Johannes Brahms – ein Werk, das im musikalischen Denken Harnoncourts stets eine besondere Stellung einnahm. Der Abend brachte zugleich eine Premiere: Zum ersten Mal widmete sich der Concentus Musicus Wien diesem Werk. Unter der Leitung von Stefan Gottfried entstand eine Aufführung von großer klanglicher Ruhe und Ernsthaftigkeit.
"Eine ungeheure Idee, dass die Musik den Menschen verwandelt, seit jeher." (Nikolaus Harnoncourt). Auch an diesem Abend behielt dieser legendäre Satz des großen Dirigenten und Revolutionär der Musikgeschichte, Gültigkeit: Berührend, tröstend, in Gedenken an ihn.
Der Concentus Musicus bestach an beiden Abenden mit überzeugender Homogenität und Ausdruckskraft in ungewöhnlich großer Besetzung. Der Beginn des ersten Satzes „Selig sind, die da Leid tragen“ war von stark zurückgenommener Bewegung geprägt. Die Tempi wirkten über weite Strecken bewusst gedehnt.
Diese interpretatorische Entscheidung verlieh der Musik ein sehr getragenes Gepräge: stellenweise verlangsamte sich der musikalische Fluss so stark, dass einzelne Passagen beinahe stillzustehen schienen.
Im zweiten Satz „Denn alles Fleisch, es ist wie Gras“ entwickelte sich die große dramatische Bewegung des Werkes. Der marschartige Puls blieb jedoch kontrolliert und vergleichsweise breit angelegt. Die monumentalen Choreinsätze gewannen dadurch eher Gewicht als Dringlichkeit.
Gerade dadurch rückte der Chorklang in den Mittelpunkt dieser emotional tiefgehenden Wahrnehmung. Der Singverein der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien präsentierte sich in hervorragender Verfassung. Die große Besetzung füllte das Podium, wie auch das Orchester, vollständig, und entwickelte einen außerordentlich homogenen Gesamtklang. Besonders eindrucksvoll waren die präzise gearbeiteten Harmonien und die bemerkenswert ausbalancierte Dynamik zwischen den Stimmgruppen. Selbst in dichten Klangschichten blieb die Transparenz gewahrt.
Der Chor verfügt über eine lange Aufführungstradition dieses Werkes und hat es unter zahlreichen Dirigenten gesungen. Sein Leiter Johannes Prinz erinnert sich an frühe Begegnungen mit Nikolaus Harnoncourt – zunächst als Sängerknabe im Casino Zögernitz mit dem Concentus Musicus Wien, später als Bass im Arnold Schoenberg Chor – und nennt Chorleiter wie Erwin Ortner und Ferdinand Grossmann, den langjährigen Leiter des Singvereins, als wichtige Vorbilder.
Die Sopranistin Nikola Hillebrand gestaltete den fünften Satz „Ihr habt nun Traurigkeit“ mit schlank geführter, klar fokussierter Stimme und präziser Phrasierung. Ihre Gestaltung blieb stets kontrolliert und frei von opernhafter Emphase. Die Stimme trat stellenweise überraschend hervor, ohne sich dauerhaft in den Vordergrund zu drängen, und fand ebenso selbstverständlich wieder in eine ruhigere, leisere klangliche Linie zurück. Gerade diese bewegliche Balance zwischen Präsenz und Zurücknahme gab der Passage ihre besondere Wirkung. Ihre Stimme bestach auch in diesem Konzert mit der ihr vielfach zugeschriebenen natürlichen Leuchtkraft.
Hillebrands außergewöhnliche Stimme verlieh in einem der berührendsten Momente des Werkes – „Ihr habt nun Traurigkeit“ – den chromatisch gefärbten Linien und seufzenden Wendungen eine leise wehmütige und zugleich zutiefst tröstende Bewegung.
Florian Boesch übernahm die Basspartien mit markanter Präsenz sowie außergewöhnlich klarer Artikulation und Textverständlichkeit. Besonders im sechsten Satz „Denn wir haben hie keine bleibende Statt“ zeigte sich seine große stimmliche Gestaltungskraft. Boesch modellierte die musikalischen Linien mit bemerkenswerter Differenzierung und feiner Abstufung der Klangfarben. Seine Stimme besitzt eine außergewöhnliche Wandlungsfähigkeit: kraftvoll und tragfähig in den dramatischen Passagen, zugleich von großer Wärme und Nähe in den ruhigeren Momenten. Charakteristisch für seine unverwechselbare Stimmgestaltung ist ein silbern schimmernder Oberton, der seinem Gesang eine eigentümliche, beinahe metallische und zugleich weiche Klangqualität verleiht. Besonders eindringlich gelang ihm die Passage „Herr, lehre doch mich, dass
ein Ende mit mir haben muss, und mein Leben ein Ziel hat und ich davon muss“, die dadurch eine außergewöhnliche Intensität gewann.
Das Requiem endet mit der Rückkehr zum Anfangsgedanken: „Selig sind die Toten“. Nach den großen dramatischen Ausbrüchen zuvor führte Stefan Gottfried das Werk wieder in eine ruhige, kontemplative Atmosphäre zurück. Der Schluss entstand aus einem sehr leisen, dicht geführten Chorklang – getragen und von großer Geschlossenheit.
Nach dem letzten Ton blieb der Saal für einen Moment vollkommen still – ein stilles Gedenken an Nikolaus Harnoncourt. Erst lange danach setzte der Applaus ein.
Autorin: Brigitte Ulbrich ⎸ Musikdialoge Magazin
Brahms: Ein deutsches Requiem — Memorial Concert on the 10th Anniversary of Nikolaus Harnoncourt’s Death
Brahms: Ein deutsches Requiem — Memorial Concert on the 10th Anniversary of Nikolaus Harnoncourt’s Death
6 March 2026 — On the tenth anniversary of the death of Nikolaus Harnoncourt, Ein deutsches Requiem by Johannes Brahms was performed at the Wiener Musikverein — a work that always held a special place in Harnoncourt’s musical thinking. The evening also marked a premiere: for the first time, the Concentus Musicus Wien devoted itself to this work. Under the direction of Stefan Gottfried, the performance unfolded with remarkable calm and gravity.
“An immense idea—that music transforms the human being—has always existed.” (Nikolaus Harnoncourt) On this evening, too, this legendary statement by the great conductor and revolutionary of music history proved true: moving and consoling, offered in remembrance of him.
Across both evenings, the Concentus Musicus impressed with striking homogeneity and expressive power in an unusually large ensemble. The opening of the first movement, “Selig sind, die da Leid tragen”, was marked by a strongly restrained sense of motion. For long stretches the tempi appeared deliberately broadened. This interpretative decision gave the music a deeply sustained character; at times the musical flow slowed so markedly that individual passages seemed almost to stand still. In the second movement, “Denn alles Fleisch, es ist wie Gras”, the great dramatic momentum of the work began to unfold. Yet the march-like pulse remained controlled and comparatively expansive. As a result, the monumental choral entries gained weight rather than urgency. It was precisely through this approach that the choral sound moved to the centre of this emotionally profound experience.
The Singverein der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien presented itself in outstanding form. The large forces filled the podium—choir and orchestra alike—creating an exceptionally homogeneous overall sound. Particularly impressive were the carefully shaped harmonies and the remarkably balanced dynamic relationship between the vocal sections. Even within dense textures, transparency was preserved. The choir possesses a long tradition of performing this work and has sung it under numerous conductors. Its director, Johannes Prinz, recalls early encounters with Nikolaus Harnoncourt—first as a choirboy at the Casino Zögernitz with the Concentus Musicus Wien, later as a bass in the Arnold Schoenberg Chor—and cites choral conductors such as Erwin Ortner and Ferdinand Grossmann, the long-standing director of the Singverein, among his formative influences.
The soprano Nikola Hillebrand shaped the fifth movement, “Ihr habt nun Traurigkeit”, with a slender, clearly focused voice and precise phrasing. Her interpretation remained consistently controlled and free of operatic emphasis. At moments her voice emerged with striking presence, yet without permanently moving to the foreground, and just as naturally returned to a quieter, more restrained tonal line. It was precisely this flexible balance between presence and restraint that gave the passage its particular effect. In this concert, too, her voice possessed the natural radiance so often attributed to it. In one of the most moving moments of the work—“Ihr habt nun Traurigkeit”—Hillebrand’s exceptional voice lent the chromatically coloured lines and sighing turns a gently wistful yet deeply consoling motion.
The bass parts were taken by Florian Boesch with striking presence and exceptional clarity of articulation and text. His great interpretative power was especially evident in the sixth movement, “Denn wir haben hie keine bleibende Statt.” Boesch shaped the musical lines with remarkable differentiation and finely nuanced gradations of colour. His voice displays an extraordinary versatility: powerful and resonant in the dramatic passages, yet marked by warmth and intimacy in the quieter moments.
Characteristic of his distinctive vocal sound is a silvery overtone that lends his singing a distinctive quality—almost metallic, yet at the same time soft. Particularly compelling was his rendering of the passage “Herr, lehre doch mich, dass ein Ende mit mir haben muss, und mein Leben ein Ziel hat und ich davon muss,” which thereby gained extraordinary intensity.
The Requiem concludes with a return to its opening idea: “Selig sind die Toten.” After the great dramatic outbursts that preceded it, Stefan Gottfried led the work back into a calm, contemplative atmosphere. The closing moments arose from a very soft, closely blended choral sound—sustained and profoundly unified. After the final note, the hall remained silent for several moments — a quiet remembrance of Nikolaus Harnoncourt.
Only long afterwards did the applause begin.
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Autorin: Brigitte Ulbrich ⎸ Musikdialoge Magazin
Foto: Private Snapshot
Foto Titel: Nikolaus Harnoncourt Zentrum