Große Opernstimme und Leidenschaft im Lied.

Piotr Beczała und Helmut Deutsch im Musikverein Graz.

21.01.2026 ⎸Piotr Beczała füllte gemeinsam mit Helmut Deutsch den Stefaniensaal mit
Klang, Leidenschaft und musikalischer Souveränität. Der Abend bewegte sich zwischen
zarter Innigkeit und überwältigender Kraft – und ließ das Lied in neuer Dimension
erscheinen.

Der Liederabend war von einer sehr bekannten Stimme geprägt, die den Raum vollständig einnahm. Beczała brachte eine große Opernstimme in den Liederabend – tragfähig, raumfüllend, von bemerkenswerter Präsenz. Sie zeigte das Lied nicht als intime Miniatur, sondern als groß dimensionierte Form musikalischen Ausdrucks: zwischen Grieg, Tschaikowski und Rachmaninov. Der Saal wurde nicht umworben, sondern erreicht.

Diese Stimme ist aus dem Opernrepertoire vertraut: als bewährter Prinz in Dvořáks Rusalka, als international gefragter Heldentenor. Auch im Lied blieb sie unverkennbar opernhaft geführt – klar, offen, frei von Druck, mit starkem Ton und differenziertem Timbre. Für viele im Publikum war das überwältigend, für manche überraschend. Es war eine Frage des Hörens, nicht der Qualität.

Besonders eindrücklich zeigte sich Beczałas Gestaltung in Edvard Griegs „Dereinst, Gedanke mein“. Hier nahm die Stimme zurück, ohne an Tragfähigkeit zu verlieren. Der Klang blieb offen und ruhig, die Tiefe ausgewogen, die Wirkung unmittelbar. Trost, Ruhe, Trauer – ein Moment, der den Saal still machte und lange nachwirkte.

Andere Lieder setzten stärker auf Energie und Kraft. „Ich liebe dich“, „Ein Traum“, „Gruß“ oder „Zur Rosenzeit“ wurden nicht als zarte Miniaturen gelesen, sondern mit großem Atem entfaltet. Das kraftvolle Vibrato am Schluss vieler Phrasen, die klare Vokalführung, die konsequente Linie prägten diese Deutung. Für viele Hörerinnen und Hörer war dies Ausdruck einer starken, unmittelbaren Romantik; andere reagierten zurückhaltender. Der Eindruck blieb eindeutig: Hier wurde nichts verkleinert.

In den Romanzen von Tschaikowski und den Liedern von Karłowicz fügte sich diese Haltung besonders schlüssig. Leidenschaft, Klangfülle und sprachlicher Duktus wirkten hier selbstverständlich. Die Musik öffnete einen anderen Horizont, ließ Nähe zu polnischen und russischen Klangwelten entstehen und zog das Publikum spürbar mit.
Helmut Deutsch begleitete den Abend mit großer Erfahrung. Sein Spiel war präsent, tragend, im Dialog mit der Stimme, ohne sich in den Vordergrund zu drängen. Auch in den Schlussakkorden blieb das Klavier Teil der großen Linie, nicht deren Gegenpol.

In den drei Zugaben - Rachmaninows „Traum“ und „Efeu“ sowie Carl Bohms „Still wie die Nacht“ – setzte Beczała die Linie des Abends fort und ließ die Stimme zum Abschied den Raum füllen. Der Abend zeigte Liedgesang als Ereignis von Größe. Er ließ Raum für unterschiedliche Reaktionen – von Tränen bis zu Vorbehalten. Unstrittig blieben die außergewöhnliche Qualität und Musikalität der Ausführung. Manche hörten überwältigt zu, andere staunten. Gleichgültig blieb niemand.

Autorin: Brigitte Ulbrich ⎸Musikdialoge
Foto: Offizielle Pressemappe / Musikverein Graz
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Nächste Termine im Musikverein Graz:
23. Februar 2026, 19:30
Vassilis Christopoulos, Grazer Philharmoniker, Christian Schmitt, Orgel