Foto©Werner Kmetitsch, Oper Graz - Ekaterina Solunya, Laura Sophie Heise, Alex Vazquez Gala, Chor der Oper Graz
Liebesverstrickungen in barocker Leichtigkeit
Castor et Pollux in der Grazer Oper
12.04.2026, Graz - Mit Jean-Philippe Rameaus „Castor et Pollux“ (in der 2. Fassung von 1754) hat die Oper Graz am 11. April 2026 ein Werk auf die Bühne gebracht, das im regulären Spielbetrieb besondere Anforderungen stellt. Unter der musikalischen Leitung von Bernhard Forck und in der Inszenierung von Nanine Linning entsteht ein Abend, der den verstrickten Gefühlswelten zum Trotz träumen lässt und mit Leichtigkeit und Zuversicht entlässt.
Ausgangspunkt ist die bekannte Konstellation um das Brüderpaar Castor und Pollux, welche sich bis in die Unterwelt fortsetzt. Télaïre ist Pollux versprochen, liebt jedoch – wie auch Phébé – dessen Bruder Castor, während Pollux selbst Télaïre liebt. Aus dieser Situation entwickelt sich ein Geflecht aus Verzicht, Eifersucht und Loyalität. Nach Castors Tod führt der Versuch, ihn von den Dämonen zurückzuholen, in eine andere Ebene, ohne die ursprünglichen Spannungen aufzulösen.
Die Inszenierung selbst bleibt dabei bewusst stilisiert, richtet den Fokus jedoch weniger auf erzählerische Ausdeutung als auf die Wirkung von Musik und szenischer Bewegung im Zusammenspiel, einer Reise in die bezaubernde barocke Klangwelt. Das Grazer Opernorchester unter Bernhard Forck gestaltet die Partitur mit Leichtigkeit und Präzision, sehr klar artikuliert in ‚alter‘ Phrasierung, besonders dank der bewusst gewählten barocken Bögen der Streichinstrumente.
Ergänzt wird diese Instrumentierung von Anna Kiskachi und Lucie Krajcírovicová (Cembalo) und Réka Nagy (Gambe). Die gewählte Stimmung – tiefer als im heute üblichen Kammerton – stellt zusätzliche Anforderungen an die Gesangsstimmen, da sie entsprechend höher ansetzen müssen. Diese spezielle Herausforderung wird sowohl vom Ensemble als auch vom Chor über die gesamte Aufführung virtuos gemeistert.
Gerade in den fugierten und schnell geführten Abschnitten zeigt sich die dynamische Qualität der Ausführung. Die Einsätze bleiben zusammen, die Linien in den raschen Fugen greifen klar ineinander. Besonders in den Tenören wird die Höhe hörbar gefordert. Dass diese Passagen geschickt geführt bleiben, gehört zu den bemerkenswerten Leistungen des Abends.
Gerade der Chor der Oper Graz trägt das gesamte Geschehen mit und überzeugt nicht nur klanglich homogen, sondern auch in der Verbindung mit den szenischen tänzerischen Anforderungen. Die Integration von Tanz, unterstützt von vier Tänzer_innen des herausragenden Balletts der Oper Graz (Ann-Cathrin Adam, Filippo Gosso, Laura-Sophie Heise und Alex Vasque Galard) wird nicht als dekoratives Element eingesetzt, sondern prägt in berührender Weise die Darstellung mit. Daraus entsteht ein durchgehender Bewegungsfluss, der sich eng mit der musikalischen Struktur verbindet.
In den Solopartien zeigt sich ein differenziertes Bild. Die zentrale Frauenrolle wird mit großer stimmlicher Substanz von Sieglinde Feldhofer geführt – technisch sicher, mit weitem Ausdrucksspektrum. Ihr eigen ist mitunter ein Vibrato, das in seiner Breite und Langsamkeit nicht immer an die stilistische Leichtigkeit der französischen Barockoper erinnert. Gleichzeitig gelingt es Sieglinde Feldhofer, die emotionale Tiefe der Trauerarie genau damit eindringlich zu vermitteln – ein Moment von hoher Unmittelbarkeit, der das Publikum erreicht. Besonders hervorzuheben: Sofia Vinnik überzeugt als Phébé mit klar gezeichneter Präsenz, Nikita Ivasechko als Pollux mit stimmlicher Kraft, Sébastian Monti als Castor mit stärker lyrischer Anlage.
Demgegenüber stehen Stimmen, die sich stilistisch noch klarer im barocken Idiom verorten. Besonders hervorzuheben sind Ekaterina Solunya und Jianwei Liu: Beide überzeugen mit schlanker Linienführung, differenzierter Phrasierung und bestechendem Timbre, das sich mühelos in den Gesamtklang integriert. Diese Balance aus Leichtigkeit und Ausdruck überzeugt auch hier. In weiteren Rollen zeigt sich ein homogenes Ensemble, das die musikalische Linie konsequent mitträgt. Einzelne Partien – etwa Jupiter (Daeho Kim) – setzen markante Akzente, ohne aus dem Gesamtgefüge herauszufallen. Marlin Miller besticht in der Rolle des Spartiate.
Die schönen Kostüme (Irina Shaposhnikova), das Licht (Sebastian Alphons) und Videos (Van Veen & Mus, Jip Mus) schaffen eine Bildwelt, die die Wirkung der Szenen verdichtet, in der barocken Gefühlswelt schwelgen lässt. Die Videoeinspielungen – etwa in Form eines sich sammelnden Wassertropfens – verstärken emotionale Zustände, ohne plakativ zu wirken. Dies schafft Räume, die nicht übertreiben, sondern mit Leichtigkeit andeuten und entführen. Die Inszenierung gewinnt gerade daraus ihre immense Intensität.
Nanine Linning möchte mit ihrer Inszenierung, „Hoffnung und Leichtigkeit vermitteln, das Publikum schwebend entlassen“. Die ersten Reaktionen am Ende der Aufführung zeigen: die Aufführung begeistert. Man 'schwebt' mit Zuversicht aus dem Opernhaus, respektive zur Premierenfeier.
Autorin: Brigitte Ulbrich ⎸Musikdialoge Magazin
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Weitere Vorstellungen:
16./22./25.04.2026, um 19:30
19.04.2026, um 15:00
29.05.2026, um 19:30
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Foto: ©Werner Kmetitsch, Oper Graz
1. Nikita Ivasechko, Sébastian Monti
2. Ekaterina Solunya, Laura Sophie Heise, Alex Vazquez Gala, Chor der Oper Graz
3. Sieglinde Feldhofer, Sébastian Monti
Castor et Pollux – Oper Graz
Vorschau
Jean-Philippe Rameaus Oper Castor et Pollux stellt vier Figuren in den Mittelpunkt, deren Beziehungen unauflösbar miteinander verknüpft sind: Télaïre liebt Castor, ist jedoch seinem Bruder Pollux versprochen. Auch Phébé fühlt sich zu Castor hingezogen. Aus dieser Konstellation entwickelt sich eine Handlung, die von Konflikten, Entscheidungen und deren Konsequenzen geprägt ist.
Nach dem Tod Castors steht Pollux vor einer grundlegenden Entscheidung: Er will seinen Bruder aus der Unterwelt zurückholen und nimmt dafür einen außergewöhnlichen Weg auf sich.
Das Werk gehört zu den bedeutenden Opern Rameaus und wurde nach seiner Uraufführung mehrfach überarbeitet. Die Fassung von 1754 setzte sich schließlich durch und prägte die weitere Rezeption.
Die Produktion an der Oper Graz entsteht unter der Regie und Choreographie von Nanine Linning. Die musikalische Leitung übernimmt Bernhard Forck.
Premiere:
Die Premiere ist am 11. April 2026 um 19.30 in der Oper Graz.
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Fotos: Oper Graz ⎸ Ingo Pertramer