Anna Brull, Tetiana Miyus
Fotocredit - ©Herwig Prammer
Tosender Applaus für einen ungewöhnlichen „Rosenkavalier“ in der Oper Graz
Graz, 10.05.2026 - Richard Strauss’ „Rosenkavalier“ gilt als große Oper über Liebe, Zeit und Vergänglichkeit. In Graz wurde daraus bei der Premiere am 9. Mai jedoch weit mehr als eine nostalgische Reise ins Rokoko. Diese Inszenierung holt das Werk mit erstaunlicher Selbstverständlichkeit in die Gegenwart.
Schon das Bühnenbild ist ständig in Bewegung. Räume drehen sich weiter, Türen öffnen und schließen sich, Menschen laufen gegen die Rotation an oder verschwinden plötzlich wieder im nächsten Bild. Vieles bleibt im Fluss. Genau das passt erstaunlich präzise zu Strauss’ Musik, die ebenfalls nie stillsteht: Walzerklänge, große Gefühle, abrupte Wechsel zwischen Wiener Tradition und 'Strauss'scher Moderne'. Fast überhitzte Steigerungen wechseln selbstverständlich zu typisch schwebenden Strauss-Momenten, die einen unmittelbar sehr berühren.
Gerade diese Verbindung aus Musik, Dynamik und Szene kommt an diesem Abend außergewöhnlich gut an. Regisseur Philipp M. Krenn und Dramaturgin Katharina John gelingt eine Inszenierung, die das Werk nicht museal behandelt, sondern mit großer Selbstverständlichkeit in die Gegenwart holt. Einen bloß „langweiligen“ Rosenkavalier kenne man schließlich bereits oft genug, meinte Krenn sinngemäß im Gespräch rund um die Premiere. Nichts wirkt beliebig modernisiert. Die Inszenierung drängt dem Werk keine künstliche Provokation auf. Stattdessen entsteht etwas viel Schwierigeres: Man erkennt plötzlich unsere eigene Gegenwart darin wieder.
Immer wieder stehen Gruppen mit Smartphones auf der Bühne, filmen, fotografieren, beobachten andere Menschen. Szenen werden live übertragen, Gesichter erscheinen vergrößert im Hintergrund, selbst intimste Momente werden sofort zum Bild. Das Publikum sieht nicht nur Opernfiguren, sondern eine Gesellschaft, die ständig damit beschäftigt ist, sich selbst zu betrachten.
Besonders stark wird das bei Baron Ochs auf Lerchenau. Wilfried Zelinka gestaltet ihn nicht bloß als lächerliche Komödienfigur, sondern als erschreckend gegenwärtigen Typus. Laut, aufdringlich, selbstverliebt, übergriffig und überzeugt davon, mit allem durchzukommen. Gerade deshalb wirkt seine Figur stellenweise unangenehm vertraut. Man erkennt plötzlich Verhaltensweisen wieder, denen man auch außerhalb der Oper begegnet.
Die Inszenierung verurteilt ihn dabei nicht moralisch von außen. Sie lässt ihn, so ist der 'bekannte Plot' an seiner eigenen Maßlosigkeit scheitern. Am Ende wird genau jene Öffentlichkeit, die er selbst ständig sucht, gegen ihn gerichtet: Kameras, Handys, Blicke, Bilder. Die Gesellschaft schaut zu. Sie filmt weiter. Darin entsteht eines der stärksten Bilder des Abends: eine Gesellschaft, die sich selbst beobachtet.
Und dennoch bleibt der Abend erstaunlich menschlich. Denn zwischen all der Dynamik, den Bildern und der gesellschaftlichen Schärfe wirkt nichts belehrend, kein erhobener Zeigefinger. Die Ironie der Charaktäre und der Humor entschärfen die Entrüstung und man verweilt in immer wiederkehrenden stillen, großen Emotionen, getragen von Richard Strauss’ Musik.
Vor allem die Feldmarschallin Fürstin Werdenberg, exzellent gestaltet von Polina Pastirchak, wird dabei zum emotionalen Mittelpunkt des Abends. Ihre Szenen besitzen jene enorme Wärme und Reife, die Strauss’ Musik so einzigartig machen. Besonders in den leisen Passagen entsteht eine Intensität, die weit über bloße Schönheit hinausgeht. Das Publikum reagierte darauf spürbar bewegt und feierte die Sängerin mit besonders intensivem Applaus und 'standing ovations'.
Auch Anna Brull als Octavian wird begeistert gefeiert. Die Rolle verlangt enorme Kraft, Beweglichkeit und Präsenz. Gleichzeitig muss die Figur zwischen jugendlicher Leidenschaft, Spielfreude und emotionaler Ernsthaftigkeit wechseln. Gerade diese Mischung gelingt eindrucksvoll. Die Szenen mit Sophie wirken dabei sehr lebendig und natürlich, fast wie echte Begegnungen, dies mitten im großen Opernbetrieb.
Tetiana Miyus bringt als Sophie Leichtigkeit und Klarheit in die Aufführung, ohne jemals bloß naiv zu wirken. Gerade dadurch bekommen die gemeinsamen Szenen mit Octavian jene Frische, die an diesem Abend immer wieder aufleuchtet.
Wilfried Zelinka meistert den Baron Ochs mit enormer Bühnenpräsenz, großer Spielfreude und stimmlicher Kraft. Die Rolle gehört zu den anstrengendsten des Abends: ständige Umkleidungen, schnelle Rollenwechsel, körperlich intensive Szenen und gleichzeitig eine Partie, die gesanglich keinerlei Nachlassen erlaubt. Gerade diese Mischung aus Kraftaufwand, Tempo und Spielfreude macht seine Darstellung so eindrucksvoll. Man spürt, dass hier jemand mit großer Lust Theater macht.
Auch Markus Butter, überzeugt als Faninal, trotz seiner äusserlich 'jungen' Erscheinung, mit großer Präsenz und markanter, virtuoser Ausdruckskraft. Martin Fournier wiederum fällt durch seine hohe musikalische Präzision in Strauss’ rhythmisch hochkomplexen Passagen auf. Gerade in den schnellen Wechseln und heiklen Einsätzen zeigt sich die hohe Qualität des gesamten Ensembles.
Großen Anteil am Gelingen des Abends hat auch das Orchester der Oper Graz unter der musikalischen Leitung von Vassilis Christopoulos. Strauss verlangt Höchstleistungen: extreme Dynamik, rasche Tempowechsel, große Klangfülle und gleichzeitig absolute Präzision. Das wurde an diesem Abend mit bemerkenswerter Virtuosität gemeistert. Besonders die Ensembles, die Bläserfarben und die großen Steigerungen entwickeln einen Sog, der das Publikum durchgehend mitnimmt. Manche Tempi reichen ans Unspielbare heran, dennoch blieb das Zusammenspiel präzise und musikalisch durchgeformt.
Vielleicht liegt genau darin die besondere Stärke dieses Grazer „Rosenkavalier“: Die Aufführung will das Werk, erstaunlich synchron mit der Komposition, weder traditionell konservieren noch gewaltsam modernisieren. Sie nimmt die Gegenwart ernst, vertraut aber gleichzeitig vollkommen auf Strauss und Hofmannsthal.
Erstaunlich ist dabei, wie eng Inszenierung und Musik miteinander verzahnt wirken. Strauss’ ständige Wechsel zwischen Wienerischer Leichtigkeit, scharfer Rhythmik und fast moderner Klangsprache finden auf der Bühne ihre Entsprechung in Drehungen, Brüchen und raschen Szenenwechseln. Gerade dadurch entsteht jener eigentümliche Sog, der diesen Abend zusammenhält.
Und so endet diese Vorstellung nicht in süßer Opernverklärung. Während die Musik noch nachklingt, bewegt sich bereits wieder ganz selbstverständlich die moderne Welt durch die Szene. Eine Frau mit Kopfhörern saugt im Takt der Musik den Bühnenboden, fast beiläufig, fast beruhigend. Man schaut weiter hin, bleibt noch in Strauss’ Klangwelt und merkt erst langsam, wie selbstverständlich sich Alltag, Konsum, Gewohnheit und Schönheit wieder ineinanderschieben.
Gerade deshalb wirkt dieser Schluss so nach. Weil man spürt, dass dieser „Rosenkavalier“ nicht nur von vergangenen Zeiten erzählt. Sondern sehr genau von unserer eigenen Gegenwart.
Autorin: Brigitte Ulbrich ⎸ Musikdialoge
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Weitere Aufführungen:
13.05. / 21.05. / 28.05. - 18 Uhr ⎸ 17.05. / 31.05. - 15 Uhr
03.06. / 10.06. / 13.06. - 18 Uhr ⎸ 19.06. - 17:30
29.06. - 18 Uh r (letzte Vorstellung)
Nachklang:
31.05. - 19:30
Musikalische Leitung: Vassilis Christopoulos (Mai: 9, 13, 17, 21, 28, 31, Jun: 3, 10) / Marius Burkert (Jun: 13, 19, 26) ⎸ Inszenierung: Philipp M. Krenn ⎸ Bühne: Momme Hinrichs ⎸ Kostüme: Eva Maria Dessecker ⎸ Licht: Andreas Fuchs ⎸ Video: Sarah Kreuz / Thomas Achitz ⎸ Dramaturgie: Katharina John ⎸ Chor: Johannes Köhler ⎸ Singschul': Andrea Fournier ⎸ Die Feldmarschallin Fürstin Werdenberg: Polina Pastirchak ⎸ Der Baron Ochs auf Lerchenau: Wilfried Zelinka ⎸Octavian: Anna Brull (Mai: 9, 21, 28, 31, Jun: 3, 26) / Sofia Vinnik (Mai: 13, 17, Jun: 10, 13, 19) ⎸Herr von Faninal: Ivan Oreščanin (Mai: 13, 17, Jun: 10, 13, 19) / Markus Butter (Mai: 9, 21, 28, 31, Jun: 3, 26) ⎸ Sophie: Tetiana Miyus ⎸ Jungfer Marianne Leitmetzerin: Corina Koller ⎸ Valzacchi: Martin Fournier ⎸ Annina: Neira Muhić
→ Oper Graz
Fotos: Polina Pastirchak / Sarah Kreuz, Anna Brull, Wilfried Zelinka / Neira Muhić, Wilfried Zelinka, Chor und Statisterie der Oper Graz - ©Herwig Prammer