Eine Wiener Wohnung als musikalische Revolution 

Die Harnoncourts und der Concentus Musicus – Gründerjahre in der Josefstadt 


Es beginnt nicht im Konzertsaal. Nicht auf einer großen Bühne, nicht im Scheinwerferlicht. Es beginnt in einer Wiener Wohnung. 

Josefstädter Straße 17, Mitte der 1950er Jahre. Obstkisten dienen als Sitzgelegenheiten, Möbel fehlen. Jeder Schilling wird gespart – für alte Instrumente, für Notenausgaben, für eine Idee. Alice und Nikolaus Harnoncourt laden Kolleginnen und Kollegen aus dem Kreis der Wiener Symphoniker zu sich nach Hause ein. Man probt, diskutiert, forscht. Und ahnt nicht, dass hier eine Bewegung entsteht, die die internationale Musiklandschaft nachhaltig verändern wird. 

Das Bezirksmuseum Josefstadt widmet dieser frühen Phase nun die Ausstellung „Die Harnoncourts und der Concentus Musicus – Gründerjahre in der Josefstadt 1953–1972“. Anlass ist der zehnte Todestag Nikolaus Harnoncourts im März 2026. Im Mittelpunkt stehen bewusst die Jahre des Aufbaus, des Experimentierens und der konsequenten Forschungsarbeit – nicht die späteren internationalen Triumphe. 

Eine musikalische Entdeckergemeinschaft 

„Wir spielen nicht, wie man damals gespielt hat, sondern wir versuchen zu verstehen, warum man damals so gespielt hat“, formulierte Nikolaus Harnoncourt seinen Ansatz. Dieser Gedanke durchzieht die Ausstellung wie ein Leitmotiv. Was heute als historische Aufführungspraxis selbstverständlich wirkt, war damals Pionierarbeit: Quellenstudium, das händische Abschreiben von Partituren, die Suche nach geeigneten Instrumenten und die konsequente Hinterfragung gewohnter Klangbilder. 

Der erste öffentliche Auftritt des Concentus Musicus 1957 im Palais Schwarzenberg markierte den Schritt in die Öffentlichkeit. Was als privates Musizieren begann, entwickelte sich allmählich zu einer internationalen Karriere. Doch die Schau bleibt bewusst bei der Anfangszeit – bei der Probenatmosphäre in der Wohnung im achten Bezirk. 

Wissenschaft und Erinnerung 

Zur Eröffnung wurde deutlich, wie eng wissenschaftliche Aufarbeitung und persönliche Erinnerung ineinandergreifen. Claudia Stobrawa, Leiterin des Nikolaus Harnoncourt Zentrums an der Anton Bruckner Privatuniversität Linz, betonte die Verbindung zwischen Archivarbeit und Ausstellungskonzept. Seit 2023 wird dort das künstlerische Erbe der Harnoncourts systematisch erschlossen; die Präsentation in der Josefstadt konzentriert sich auf die frühen Jahre des Ensembles. 

Mitkurator Andreas Theiner bringt eine zweite, sehr persönliche Perspektive ein. Er ist Neffe von Alice und Nikolaus Harnoncourt, Sohn des Bratschisten und Gründungsmitglieds Kurt Theiner, der mit Juliana („Lily“), der Schwester Nikolaus Harnoncourts, verheiratet war. Andreas Theiner erlebte die Anfänge des Concentus Musicus als Kind aus nächster Nähe und assistierte seinem Vater bei fotografischen Dokumentationen von Proben und Konzerten. Diese Aufnahmen prägen heute wesentlich das Bild der Frühzeit und bilden einen zentralen Bestandteil der Ausstellung. Dass die Schau nur wenige Schritte von jener Wohnung entfernt gezeigt wird, in der alles begann, verleiht ihr zusätzliche Dichte. 

Alice Harnoncourt – künstlerische Instanz und organisatorisches Rückgrat 

Ein besonderer Schwerpunkt gilt Alice Harnoncourt. Als Konzertmeisterin prägte sie den Klang des Ensembles entscheidend, organisierte Proben und Tourneen und verband künstlerische Arbeit mit Familienleben. Die Kurator:innen würdigen ausdrücklich ihr organisatorisches Rückgrat und ihre künstlerische Instanz – eine Partnerschaft, die auf gegenseitiger Ergänzung beruhte. 

 

Kindheit im Klang 

Berührend sind die Erinnerungen von Elisabeth von Magnus, Sängerin und Tochter der Harnoncourts. Sie sagt:

 „In vielen historischen Darstellungen steht mein Vater, Nikolaus Harnoncourt, im Zentrum. Diese Ausstellung erweitert die Perspektive nochmals auf spezielle Art, sehr tiefgehend und bietet neue Details.“ 

Sie schildert die Wohnung als Probenraum und Familienort zugleich:

 „Mir ist diese Zeit der Gründung sehr gut in Erinnerung. Wir spielten nebenan im Kinderzimmer, lautes Streiten war strikt verboten, aber wir hatten unseren Spaß. Die Freude an der Musik, die allgegenwärtig war, es wurde fast Tag und Nacht geprobt, hat uns alle sehr geprägt.“ 

Und weiter:
 „So konnte ich mich später als Künstlerin, Sängerin, ganz natürlich einfinden, die Arbeitsweise, den musikalischen Ausdruck hatte ich praktisch von Kindesbeinen an hautnah mitbekommen.“ 

Sie betont, dass ihr Vater nichts einfach wiederholte. Jedes Werk sei neu befragt worden. Nicht das „Wie“, sondern das „Warum“ sei entscheidend gewesen. Die bei der Eröffnung gespielten Werke von Johann Heinrich Schmelzer und Georg Muffat knüpfen für sie unmittelbar an diese frühen Eindrücke an. 

Neben aller Konzentration blieb damals Raum für Gemeinschaft: legendäre Faschingsfeste, das gemeinsame Abholen des Ensembles am Flughafen Schwechat, das jedes Mal wie ein großes Fest war: Bilder einer Gruppe, die nicht nur arbeitete, sondern miteinander freudig lebte. 

 

Dokumente, die Geschichte erzählen 

Die Ausstellung überzeugt nicht durch Effekte, sondern durch Nähe. Zu sehen sind persönliche Dokumente, historische Instrumente, handschriftliche Notizen und zahlreiche Fotografien von Kurt Theiner, der die Anfangsjahre des Concentus Musicus umfangreich dokumentierte. 

Erstmals öffentlich präsentiert werden ausgewählte Albumblätter aus dem Familienarchiv – grafisch gestaltete Jahreschroniken Nikolaus Harnoncourts, die künstlerische Entscheidungen sichtbar machen. Auch die Ausstellungsgestaltung selbst trägt familiäre Handschrift: Matthias Theiner, Bruder von Andreas Theiner, schuf in minutiöser Arbeit einzelne Präsentationsflächen, darunter detailreiche Miniatur-Litfaßsäulen mit Konzertankündigungen, Plakaten und Fotografien. 

Hörstationen und Filmdokumente ergänzen die Präsentation um klingende Zeugnisse der Frühzeit. Deutlich wird dabei, wie sehr die Entwicklung des Concentus Musicus in die Nachkriegszeit fiel – in eine Epoche, in der kultureller Neuaufbau und künstlerische Neugier eng miteinander verbunden waren. 

Ein Ort mit Geschichte 

Dass die Ausstellung ausgerechnet in der Josefstadt gezeigt wird, ist mehr als eine geografische Randnotiz. In unmittelbarer Nähe jener Wohnung, in der alles begann, wird die Frühzeit eines Ensembles sichtbar, das die internationale Musiklandschaft nachhaltig prägte. Bezirksvorsteher Martin Fabisch würdigte die Ausstellung als kulturelles Signal weit über den Bezirk hinaus. 

Diese Schau ist kein nostalgischer Rückblick. Sie zeigt, wie aus Beharrlichkeit, intellektueller Neugier und gemeinsamer Überzeugung eine Bewegung entstehen konnte, die unsere Hörgewohnheiten bis heute verändert. 

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Ausstellung
Die Harnoncourts und der Concentus Musicus – Gründerjahre in der Josefstadt 1953–1972
Bezirksmuseum Josefstadt, Schmidgasse 18, 1080 Wien
26. Februar 2026 bis 20. Jänner 2027
Eintritt frei. 

Öffnungszeiten: Sonntag 10–12 Uhr, Mittwoch 18–20 Uhr sowie nach Vereinbarung.

Sendung auf Klassik Radio Stephansdom:
Link zur Sendung


Foto: Brigitte Ulbrich ⎸ Musikdialoge Magazin. 
Andreas Theiner ⎸ Neffe der Harnoncourts, Ausstellungskurator und Zeitzeuge. Im Hintergrund geschätzte Maria Ettl, Museumsleiterin.

 © Foto - Andreas Theiner: Von links vorne: Maria Ettl, Claudia Stobrawa, Martin Fabisch 
 Links hinten: Elisabeth von Magnus, Helmut Pokornig, Andreas Theiner, Matthias Theiner 

 

1           Nikolaus Harnoncourt, Leiter des Ensembles, Viola da Gamba 

2           Alice Harnoncourt, Konzertmeisterin, Barockvioline 

3           Elli Kubicek, Viola da Gamba 

4           Jürg Schaeftlein, Blockflöte 

5           Hans Pöttler, Barockposaune 

6           Herbert Tachezi, Cembalo 

7           Eduard Hruza, Violone 

8           Hermann Höbarth, Viola da Gamba 

9           Walter Pfeiffer, Barockvioline 

An der Wand hängend ein Teil der Instrumentensammlung die Alice und Nikolaus Harnoncourt zusammengetragen haben. 

Alle Fotos © - Andreas Theiner