Florian Boesch im Konzert in Zögernitz
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24 11 2025 - Wien. Ein Abend, der unter ungewöhnlichen Voraussetzungen begann und sich dennoch zu einem stimmigen, intensiven Konzerterlebnis entwickelte: Aufgrund der kurzfristigen Erkrankung von Stefan Gottfried übernahm Bassbariton Florian Boesch nicht nur den gesanglichen Part, sondern auch den Einführungsvortrag. Am Cembalo sprang dankenswerterweise Alexander Gergelyfi ein, was dem Abendeinezusätzliche, spontane Note verlieh.
Einführung im besten „Florian Boesch - Stil”
Schon der Einführungsvortrag setzte den Ton für das folgende Konzert: Der renommierte Bassbariton Florian Boesch, wohltuend unprätentiös und leger in Blue Jeans und Pullover, traf auf ein Publikum, das noch im Eintreffen war – Türen, Schritte, Flüstern. Doch die Unruhe störte niemanden. Im Gegenteil: Die Leichtigkeit, mit der Boesch sich davon unbeeindruckt zeigte, schuf eine Atmosphäre, in der Barockmusik ihre ursprüngliche Lebendigkeit zurückerhielt. Sein humorvoller Plauderton, gepaart mit profundem Wissen, vermittelte das Gefühl, nicht einem akademischen Vortrag, sondern einer sehr persönlichen Einladung zu folgen.
Das Programm, von Florian Boesch gemeinsam mit Stefan Gottfried erarbeit, zeichnete ein Wechselspiel aus langsamen und schnellen Werken, Spannung, Emotion und musikalische Energie befeuerten einander immer wieder erneut. Die Auswahl überraschte (das Programm blieb vorab geheim), eröffnete neue Facetten und wirkte wie ein Geschenk, das sich Stück für Stück entfaltete.
Der erste Teil stand ganz im Zeichen Johann Sebastian Bachs und entfaltete sich wie ein fein gewobenes Klanggeflecht.
Die Auswahl reichte von frühen Kantaten bis zu reifen Werken des Leipziger Thomaskantors. Ein besonderer Moment war das Rezitativ „Siehe, ich stehe vor der Tür“ aus der Kantate Nun komm, der Heiden Heiland (BWV 61), zart pizzicato begleitet – eine iligrane Passage, die mit ihrer Intimität nachhallte.
Der Concentus Musicus Wien gestaltete mit klarer Artikulation, differenzierter Dynamik und Präzision, die Johann Sebastian Bachs Ausdruck nachvollziehbar und eindringlich machte. Das Ensemble ist geprägt von der dynamischen Kraft Nicolaus
Harnoncourts. Stefan Gottfriedformte den Klang über viele Jahre mit feinfühligem
Ausdruck und überzeugender musikalischer Handschrift. Das kammermusikalisch besetzte Ensemble mit seinen virtuosen solistischen Parts musizierte weder bloß schön noch effekthascherisch – diese Musik verantwortete in Sprache, Ausdruck und Richtung. Jeder Satz wirkte bewusst und sorgfältig gesetzt.
Johann Sebastian Bach: Entdeckung in Klangschichten
Der zweite Teil des Abends gehörte Händel und Purcell – zwei Komponisten, die unterschiedlicher kaum sein könnten und deren Gegenüberstellung dennoch eine
innere Logik offenbarte. Händels barocke Strahlkraft, seine dramatische Eloquenz und die eleganten Bogenführungen seiner Concerti grossi standen in reizvollem Kontrast zu Purcells nuancenreicher Melancholie, seiner feinen Harmonik und dem unverwechselbaren englischen Lyrismus.
Händels Concerto grosso in aMoll eröffnete diesen Teil mit jener Mischung aus Feinheit
und barocker Energie, die überzeugte. Die anschließende Arie „Vieni, o cara“ aus Agrippina zeigte die vokale Beweglichkeit und expressive Kunst des Ensembles. Florian Boesch überzeugte einmal mehr durch präzise Artikulation – ein Meister der Sprache, der Lautdeutlichkeit und der Intensivierung des Ausdrucks. Händel & Purcell: Ein reizvoller Kontrast.
Es folgte das Concerto grosso G-Dur op. 6 / HWV 319, eines jener Werke, in denen Händel seine Meisterschaft in der Kontrastsetzung von Tutti und Concertino entfaltet. Die Interpretation blieb klar, federnd und differenziert – verband sich mühelos mit der weiten, fein tragenden Akustik des Raumes. Besonders eindrucksvoll dann die Arie „Vouchsafe, O Lord“ aus dem Dettinger Te Deum: getragen, ernst und innerlich intensiv. Sie bildete eine organische Brücke zu „Leave Me“ aus Semele, einem der emotionalsten Momente des
Abends, in dem Ausdruck, Klang und Atmosphäre vollkommen ineinandergriffen.
Meisterschaft der Kontraste in der feinen Akustik des Raumes in Zögernitz
Mit Henry Purcell wechselte der Abend zu einem anderen barocken Farbton –
tänzerischer, schwebender, manchmal melancholisch gebrochen, aber von großer poetischer Kraft. Die Chaconne aus „The Fairy Queen“ ließ Eleganz und rhythmische Leichtigkeit erklingen. Für Florian Boesch schon vor Jahren in Graz mit dem Concentus Musicus Wien „eine seiner allerschönsten Zeiten seines künstlerischen Schaffens.
„Now Winter Comes Slowly“ brachte fragile Schönheit, die Purcells Musik so unverwechselbar macht. Große Poetische Kraft bei Henry Purcells Fairy Queen „Cold Song“ aus King Arthur und „Hush No More“ aus The Fairy Queen rundeten den Abend ab: zart, einfühlsam, in sich ruhend – Momente der Sammlung, des Trostes und der stillen Intensität. Auch dies war Boesch ein besonderes Anliegen: das Gemeinsame der Menschen, das Gefühl, nicht allein zu sein. „Hush, no more, be silent all, sweet repose has come to call."
Eine sanfte Einladung zu Ruhe und Trost, die berührte.
Arien und Choräle eröffneten an diesem Abend Momente der Ruhe, Sammlung und inneren Präsenz. Das gemeinsame Wirken, ein Leitmotiv des Abends, erfüllte sich in den gemeinsam gesungenen
Chorälen. Das Publikum stimmte – zuvor mit Notenblättern ausgestattet – zusammen mit dem Quartett aus Florian Boesch und drei weiteren Sänger*innen ein und dankte mit anhaltendem Applaus. Berührend, wärmend, verbindend.
An die Musik herankuscheln
Barockmusik hat zwar längst ihren Weg aus sakralen Räumen gefunden, an diesem Abend wurde dennoch spürbar, welche spirituelle Kraft in ihr liegt – unabhängig vom persönlichen Glauben, aber getragen von starker persönlicher Haltung. „Wir müssen uns unbedingt persönlich und vor allem gemeinsam weiterentwickeln. Das gemeinsame Singen ist dafür besonders geschaffen", sagte Florian Boesch in einem kurzen Gespräch mit mir auch nach dem Konzert. Bach habe mit seinen Chorälen ideale Voraussetzungen geschaffen, sogar unabhängig jeder Konfession. Das Publikum sei eingeladen, sich an die Musik „heranzukuscheln“. Boesch selbst singe die Choräle bei Konzerten oft leise mit, „weil sie so schön sind.“
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13./14. Dezember 2025, Musikverein
Wie. Bach Kantaten,WeihnachtsoratoriumTeile 1-2
20./ 21. Februar 2026, Casino Zögernitz
Bachs Brandenburgische Konzerte, Teil1
Vorschau auf den neuen Zyklus 2026 im Casino Zögernitz&kommende Konzerte: https://www.concentusmusicus.at/
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Autorin: ©Brigitte Ulbrich ⎸ Musikdialoge Magazin
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