Wenn das Opernhaus atmet -
Ballett-Ensemble tanzt Dantes „Göttliche Komödie

17.01.2026 – Graz. Ein Opernabend, der das Publikum nicht sitzen lässt. In ihrer
choreographischen Auseinandersetzung mit Dantes Divina Commedia öffnet Estefania Miranda das Grazer Opernhaus als Erfahrungsraum: begehbar, sinnlich, fordernd.


Zwischen Nähe und Distanz, Bewegung und Stillstand wird Dantes Seelenreise zu einer körperlichen Erfahrung – für Tänzer wie für die Besucher.
An diesem Premierenabend verwandelt sich das Grazer Opernhaus in etwas Lebendiges:
Mit La Divina Commedia bringt das Ballett Graz Dantes „Göttliche Komödie“ als begehbaren Tanzabend ins Opernhaus Graz. Die Choreografie von Estefania Miranda nutzt nicht nur die Bühne, sondern das gesamte Haus: Foyers, Treppen und Zuschauerraum werden zu Spielorten einer Reise durch Hölle, Fegefeuer bis ins Paradies. Das Publikum bewegt sich frei durch den Raum und erlebt Tanz, Musik und Architektur aus nächster Nähe. Ausgangspunkt dieses außergewöhnlichen Ballettabends ist Dantes Divina Commedia, jenes monumentale Werk, das seit über 700 Jahren von der Wanderung der Seele erzählt. 

Die aus Chile stammende Choreographin Estefania Miranda nutzt diese literarische Reise nicht als Nacherzählung, sondern als Einladung: zur Bewegung durch Räume, Zustände und innere Landschaften. Diese Künstlerin denkt Dantes Werk nicht linear, sondern als raumgreifenden Erfahrungsprozess, in dem Architektur, Musik und Körper gleichwertig erzählen. Dante, der Dichter, wird bei ihr zum Reisenden durch existenzielle Fragen. 

Was sind unsere Ängste? Was unsere Sehnsüchte? Welche Schuld tragen wir – und woraus speist sich Hoffnung?´Die berühmten Stationen durch Hölle, Fegefeuer und Paradies werden nicht illustriert, sondern übersetzt: in Körper, in Nähe, in Gegenwart.

Foto: Oper Graz – Nimrod Poles

Im ersten Teil des Abends ist das Publikum anders als sonst an Balletabenden auch selbst
unterwegs. 

Geführt durch Foyers, Gänge und verborgene Orte des Opernhauses begegnet es choreographischen Installationen, die die biblischen Todsünden in eine zeitgenössische
Bewegungssprache überführen. Die Tänzer von Ballett Graz sind dabei nicht auf Distanz – sie sind nah, verletzlich, fordernd. Der Raum wird Bühne, der Blick ständig neu justiert. Man ist nicht Beobachter, sondern Teil eines Geschehens, das sich zwischen Intimität und Überforderung bewegt. Viele Besucher beschreiben den Abend später als Überraschung, ungewohnt offen – irritierend und beglückend zugleich.

Zunächst bewegt sich das Publikum zögernd durch das Haus. Schritte verhallen, Blicke suchen Orientierung, Lagepläne werden konsultiert. Dann setzt etwas ein, das man selten in einem Opernhaus erlebt: ein leises Murmeln, Staunen, ein vorsichtiges Sich-Treiben-Lassen. Manche bleiben stehen, andere gehen weiter, einige setzen sich kurz, fragend um sich blickend, ob man das darf. Es gibt keine Vorgaben, keine vorgeschriebene Route.
Diese Offenheit scheint gewollt – sie fordert Eigenverantwortung, Aufmerksamkeit,
Entscheidung, wo es hingehen soll. In den verschiedenen Räumen warten auf einer Habgier, Wolllust, Zorn, Verrat oder auch Völlerei. Still, konzentriert, mit offenen Augen und Ohren, werden die tänzerischen Szenen verfolgt. Manche gehen rasch weiter, andere verweilen etwas länger. Die Oper wird zum sozialen Raum, zum Ort der Begegnung, oft im Gedränge, mit Tänzern, mit anderen Zuschauern, mit sich selbst. Nicht als Spektakel, sondern als geteilte Erfahrung.

Die Musik von Philip Glass und Arvo Pärt verstärkt diesen Eindruck.

Minimalistische Strukturen, schwebende Klangflächen und spirituelle Klarheit öffnen Zeiträume, in denen sich Bewegung und Wahrnehmung dehnen. Klang und Körper scheinen miteinander zu atmen. Es beginnt Spaß zu machen, man ist im Bann der spannenden Performance und bedauert bald (der erste Teil dauert nur 20 Minuten), wenn man zu lange stehen blieb, (manche Besucher auch um sich mit anderen privat zu verplaudern) und womöglich nicht alles erhaschen konnte.

Der zweite Teil führt zurück in den Zuschauerraum – und markiert bewusst einen
Perspektivwechsel.
 

Von hier aus folgt das Publikum Dantes Weg ins Paradies. Nach der
körperlich fordernden Nähe des ersten Teils entsteht nun Distanz, Weite, Ordnung. Die
Choreografie wird ruhiger, lichtdurchlässiger, beinahe meditativ. In dieser Reduktion entfaltet sich eine stille Kraft: die Ahnung von Frieden, von Versöhnung, von innerer Ruhe.
Die Grazer Philharmoniker und der Chor der Oper Graz unter Johannes Braun begleiten die
Aufführung in beeindruckender Weise. Frauen- und Männerstimmen sind in den oberen Logen positioniert, darunter jeweils Harfen und Schlagwerk, was eine erweiterte Raumresonanz und Klangausbreitung ermöglicht. Im abgedunkelten Raum entsteht eine fast mystische Atmosphäre: Der Chor erhebt sich scheinbar aus dem Nichts und steigert sich bis zum kraftvollen Fortissimo.

Besonders eindrücklich ist die Begegnung zwischen Dante (Nimrod Poles) und der Seele (Yuka Eda) gegen Ende des Stücks.

Deren zarte, intime und berührende Choreografie bildet einen
Kontrapunkt zu den vorangehenden, kraftvollen Szenen. Figuren wie Gewalt, der gefallene Engel oder Seelenlose verkörpern in eindringlicher körperlicher Ausdruckskraft Themen von Verlorenheit und inneren Konflikten. Dieser Spannungsbogen zwischen Energie und
Zerbrechlichkeit, Intensität und Zartheit, machte Dantes Reise durch die Hölle, das Fegefeuer und schließlich ins Paradies unmittelbar spürbar.

Verantwortlich für die visuelle Umsetzung sind Till Kuhnert für die überzeugende
Bühnengestaltung und hauchdünnen Kostüme in zarten Goldtönen sowie Kristian Breitenbach für die Filmeinspielungen. Sie verleihen der Aufführung zusätzliche Dimension und außergewöhnliche visuelle Tiefe.

Die künstlerische Leitung – Intendant, Ballettdirektor und Choreographin – zeigt sich nach der Premiere sehr glücklich über die Resonanz des Publikums. Der Abend sei nicht als klassische Inszenierung gedacht, sondern als Einladung, eigene Wege zu gehen, selbst zu entscheiden, wo man verweilt und was man erlebt. Mehrfach haben sie hervor, dass Architektur und Räume des Opernhauses selbst zu dramaturgischen Akteuren werden: Licht, Treppen, Foyers und Gänge wirken wie Mitspieler in dieser Bewegungserzählung.

Estefania Miranda gelingt mit diesem Abend ein sinnliches Gesamtkunstwerk, das Literatur, Musik, Architektur und Tanz zu einem Erfahrungsraum verbindet. Die Göttliche Komödie wird dabei nicht museal, sondern radikal gegenwärtig. Was bleibt, ist weniger eine Antwort als ein Nachhall – die leise, aber eindringliche Frage, wie wir selbst durch unsere inneren Räume gehen und welche Verantwortung wir zu tragen bereit sind.

Autorin: Brigitte Ulbrich ⎸Musikdialoge.com
Fotos: ©Oper-Graz, Offizielle Pressemappe (Werner Kmetitsch)

Information:
Dantes „La Divina Comedia“ - Tanzabend des Opern-Ballett Graz
Musik: Arvo Pärt und Philip Glass
Choreografie/Kostüme: Estefania Miranda
Musikalische Leitung: Johannes Braun
Dramaturgie: Mattia Scassellati/Isabelle Bischoff
Chor: Johannes Köhler
Bühne: Till Kuhnert
Licht: Martin Schwarz
Video: Kristian Breitenbach

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Nächste Aufführungen:
22. / 23. / 25. / 28.01. jeweils 19:30 (am 25.01. um 15 Uhr)
Nachklang:
28.01. 21:30
Nachklang XXL:
06.02. 21:30

Weitere Termine:
https://oper-graz.buehnen-graz.com/produktion/la-divina-comedia/
Foto: ©Oper Graz – Werner Kmetitsch